sf-gamers.de: Gothic 3 Gothic 3 ================================================================================ Marcel Kunzmann on 18 October, 2006 07:08:00 Es begann alles Anfang des 21. Jahrhunderts, als sich ein paar Studenten aus dem Ruhrgebiet zum Entwicklerstudio Piranha Bytes zusammenschlossen und mit der Entwicklung eines der prägendsten Rollenspiele begangen: Am 15 März 2001 war Gothic 1 geboren. Damals etwas völlig neues: Ohne Charakterwahl, 3D Grafik, mehrere Lösungswege und ein nie gekannter Grad an Interaktivität und Atmosphäre brachten Innovationen ins Genre der Rollenspiele. Das international weniger erfolgreiche Spiel war seinerzeit aber ein voller Erfolg in Deutschland, das neue Maßstäbe setzte. Man startete als namenloser Held in einer Minenkolonie auf der Insel Khorinis, die durch eine unsichtbare Barriere umgeben wird, um eine Flucht zu verhindern. Dort kann man sich einer Gilde anschließen und muss sich langsam hocharbeiten und verbessern, bis man am Schluss die Barriere zum Fall bringen kann. In dem Ende 2002 erschienen Gothic 2 erwacht man wieder in Khorinis und kann nun die ganze Insel begehen, die sich im Krieg gegen die feindlichen Orks befindet. In Gothic 3 ist man Richtung Festland gesegelt, zur Heimat Myrtana. Hier hat der Held, wie in dem Vorgänger sein Gedächtnis verloren, ein auffallendes Merkmal der Gothic Reihe. So bekommen neue Spieler einen Teil der Story nacherzählt. Nach der Installation, die ohne größere Probleme verläuft, lädt man sich den 60MB großen Patch herunter, und das Abenteuer kann beginnen. Gleich zu Anfang wird man in das Spiel geworfen und muss ohne großen Schnickschnack à la Wie bediene ich die Maus? gleich gegen ein paar Orks antreten und damit die Siedlung Ardrea befreien. Die Menschen haben den Krieg nämlich verloren, die orkischen Besatzer lauern überall und haben die Menschen unterjocht und versklavt. Man wird von alten bekannten aus Gothic 1 begrüßt, und ins Lager der Rebellen geführt, die sich gegen die Orks wehren wollen. Gleich zu beginn fällt die gigantische Grafikpracht auf, allerdings nur, wenn man den nötigen Rechner dafür besitzt, denn Gothic 3 lässt sich nur mit schlappen 1GB RAM flüssig spielen, ein guter Prozessor und eine ordentliche Grafikkarte sind ebenfalls Pflicht und selbst auf unserem Testrechner (Athlon 64 X² 4200+ , 2GB RAM , GeForce 7950GX2) kam es gelegentlich zu Rucklern. Was ein Beleg für ein nicht optimiertes Spiel ist und das muss nicht sein! Auch verstehen wir nicht, weshalb das Wasser in Gothic 3 kaum nach Shader Model 3.0 oder DirectX 9 aussieht. Während man sich an den Landschaften kaum satt sehen kann, erinnert das Wasser eher an die alten Tage aus Gothic 1. In Zeiten nach FarCry sollte das jedoch gerade bei Spielen mit guter Grafik nicht sein. Wenn man weniger Erfahrungen mit der Gothic Reihe hat, ist es ratsam ins sehr gut gestaltete Handbuch zu schauen, das aber leider nur so von Rechtschreibfehlern und fehlenden Worten wimmelt (Hat das Königreich der Menschen hat den Krieg&), wohl der Ausgleich zur sonst sehr guten Sprachausgabe im Spiel, die mit professionellen Sprechern und spannenden Dialogen umgesetzt wurde. Das Spiel an sich macht mit der Zeit sehr viel Spaß und die gute Einführung durch Spieltipps und spannende Quests motivieren. Jedoch muss man auch leidensfähig sein, um in der Welt von Gothic 3 zu überleben: Teilweise schier unlösbare Quests und unfreiwillig komische Situationen sorgen für viel Frust. Doch wenn ich durch die liebevoll gestalteten Wälder laufe, wo sich die Bäume im Wind wiegen und es in jeder Höhle etwas anderes zu entdecken gibt, verzeihe ich das dem Spiel schnell. Die Spielwelt in Gothic 3 ist im Vergleich zum Vorgänger viermal so groß, was sich durch die variierenden Städte, die eine wahre Augenweide sind, und den orchestralen Soundtrack zeigt. Überhaupt hat man immer das Gefühl, dass die Welt in Gothic 3 lebendig ist. Alles wurde schließlich auch handmodelliert und wirkt liebevoller umgesetzt als mit dem Baukastensystem von Oblivion. Hier gleicht kein Busch dem anderen. Diese Atmosphäre wird gestützt und aufgebaut durch realistische Gespräche der Charaktere und einem ausgeklügelten Rufsystem: Töte ich beispielsweise einen Feind der Rebellen, oder erledige ein Quest für sie, bekomme ich positive Rufpunkte bei ihnen, was mir mehr Gesprächsmöglichkeiten und Vertrauen gibt. In manche Gebäude kommt man so erst hinein, wenn man in der entsprechenden Stadt mindestens einen positiven Ruf von 75% hat. Was die Atmosphäre jedoch abdämpft, ist die eher durchschnittliche KI, die schon so manchen muskulösen Ork in einen tollpatschigen Jungen verwandelt. Aber, wie Spielt sich Gothic 3 nun eigentlich? Die Steuerung ist genretypisch recht einfach zu begreifen: Mit [W][A][S][D] steuert man den namenlosen Helden durch die Welt von Gothic. Mit der Rechten und Linken Maustaste führt man Kampfattacken aus, oder spricht einen Charakter an. Je nachdem ob man seine Waffe per Druck auf die Leertaste gezogen hat oder nicht. Praktisch: Für alle vergesslichen stehen die wichtigsten Tasten auf der Rückseite des Handbuchs zum schnellen Nachlesen. Die Quests sind eigentlich immer verschieden und leicht lösbar. Zwar ist man gefrustet, wenn man gleich zu Anfang im Rebellenlager Reddock einen zunächst unlösbaren Quest aufgebrummt bekommt, jedoch kommt man später wieder an den Ort zurück, und kann sein Glück nochmals versuchen. Doch Questbeschreibungen wie Töte 4 aggressive Wildschweine im Osten nerven und sind weit entfernt von den spannenden und faszinierenden Questaufgaben der Genrereferenz Oblivion. Zur Orientierung bleibt nur ein lausiger Kompass und im Logbuch findet man nur den Dialog in Textform. Sehr frustrierend. Es gibt prinzipiell mindestens eine Handvoll Questgeber an einem Ort, weshalb das Logbuch immer gut gefüllt sein sollte. Auch reagiert die Umwelt auf die Quests. Besonders gut sieht man das am Beispiel des entflohenen Sklaven Harek. Diesen sollen wir für die Orks wieder einfangen, wo er sich befindet, weiß aber niemand so genau. Schließlich finden wir ihn nach einer langen Suche auf einem Berg im Norden, doch will er zunächst nicht mit uns kooperieren. Schließlich packt er doch aus, und wir versprechen ihm ihn zu befreien, woraufhin wir +1 beim Ruf der Rebellen bekommen und haben so die Orks erfolgreich hintergangen. An diesem Beispiel sieht man, wie viele verschiedene Wege es gibt, sich in der Welt von Gothic 3 durchzuschlagen. Das Kampfsystem sollte ursprünglich eine Weiterentwicklung des bewährten Gothic 1&2 Systems werden, das jedoch in eine Verschlimmbesserung uferte. Man hat schon seine Schwierigkeiten den Gegner zu treffen, da dieser gerne nach hinten rutscht, was ziemlich auf die Nerven geht. Auch ist das Kampfsystem alles andere als komplex und vielseitig und durchs einfache Rechts- Linksklicks erreicht man einen schnellen Angriff oder einen Wuchtschlag, mehr nicht. Doch der berühmt berüchtigte unangenehme Teil von Gothic 3 fällt nüchternd betrachtet weniger schlimm aus als erwartet. Die Bugs. Mit installiertem Patch sind wir nur auf eine Handvoll verschmerzbarer Bugs gestoßen und Umfragen im Internet zeigen, das nur ein kleiner Prozentsatz der Spieler mit ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wobei wir hier das Verhalten der Entwickler/Publisher natürlich nicht beschönigen wollen. Nerviger als die Bugs sind jedoch, insbesondere für Neueinsteiger die vielen gothictypischen Merkmale: Auf der ungenauen Karte bekommt man weder eine Wegbeschreibung zum Quest noch den aktuellen Standort zu sehen. Ebenso nerven die langen Ladezeiten und die extremen Hardwareanforderungen. Insgesamt erhält man den Eindruck von einem anspruchsvollen, atmosphärischem Spiel, das jedoch noch 1-2 Monate Entwicklungs- und Testzeit benötigt hätte. Manchmal kommt das Gefühl eines Betatesters durch, das den ansonsten guten Spieleindruck abdämpft. Fazit: Wer einen geeigneten Rechner besitzt, leidensfähig ist und auch mal bereit ist über den ein oder anderen Bug hinwegzuschauen, der ist mit Gothic 3 sehr gut bedient. Wer jedoch gerne mal die ein oder andere Belohnung mehr möchte, und auf Frustmomente lieber verzichtet, der greift zum zwar etwas sterileren aber weniger frustrierenden Oblivion . Alle die Hart im Nehmen sind werden mit der genialen Atmosphäre und der lebendigen Spielwelt von Gothic 3 belohnt. Kurz gesagt sorgt Gothic 3 für viel Frust, aber auch für viel Motivation. Die gelungene Sprachausgabe, die schicke Optik und der nicht allzu bierernste Tonfall der Charaktere sorgen für weitere Eigenschaften, die neben den abwechslungsreich gestalteten Quests und der liebevoll gestalteten Spielwelt Gothic 3 auszeichnen.